Betty Paoli in jungen Jahren

Betty Paoli

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Sekundärliteratur


Karin S.Wozonig


"Paoli".
In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums. Begr. v. Killy, Walther, Hrsg. v. Kühlmann, Wilhelm. In Gemeinschaft mit Aurnhammer, Achim / Egyptien, Jürgen / Kellermann, Karina / Martus, Steffen / Sdzuj, Reimund B. Berlin, New York (De Gruyter) 2010. 2., vollständig überarbeitete Auflage, Band 9, S. 75-77.

Kunst oder Leben. Betty Paoli über Literatur und Entsagung.
In: Sinnhaft 22 (2010). Strategien des Entziehens. S. 44-55

Familienehre und individuelles Glück. Betty Paolis Roman "Die Ehre des Hauses".
In: Kritische Ausgabe, Jg. 13, Nr. 18 (2010) S. 41-45

Betty Paoli und die schönen Frauen.
In: NESTROYANA. Blätter der Internationalen Nestroy-Gesellschaft. 29. Jahrgang 2009, Heft 1-2. 72-81

Betty Paolis Reise nach Venedig im Jahr 1846.
In: Wege in die Moderne. Reiseberichte von Schriftstellerinnen und Schriftstellern des Vormärz. Herausgegeben von Christina Ujma. Bielefeld: Aisthesis, 2009. 193-204

Von Baden ins Salzkammergut. Die Schriftstellerin Betty Paoli (1814-1894) beobachtet den bürgerlichen Aufstieg.
online auf kakanien revisited,

Netzwerke der Wohltat und der Literatur. Das "Album zum Besten der durch die Überschwemmungen im Frühjahr 1845 in Böhmen Verunglückten".
In: Hanna Bergerová, Renata Cornejo, Ekkehard Haring (Hg.): Festschrift zum 15. Gründungsjubiläum des Lehrstuhls Germanistik. Ústí nad Labem 2005. S. 248-254.

"Betty Paoli, die Lyrikerin als Journalistin"
In: The German Quarterly 76/1 (Winter 2003) S. 56-67

Die Literatin Betty Paoli. Weibliche Mobilität im neunzehnten Jahrhundert.
Wien: Löcker 1999

"One life: How many stories? Narrative identity in feminist literary theory"
In: Narrative Realities: Perspectives of the Self. Proceedings of a Conference, Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Vienna 15-17 November 1996. Edited by Jens Brockmeier. (IFK-Materialien 1/97) S. 61-65

"Betty Paoli, Journalistin"
In: Betty Paoli: "Was hat der Geist denn wohl gemein mit dem Geschlecht?" Herausgegeben und eingeleitet von Eva Geber. Wien: Mandelbaum 2001. S. 66-77

"über die Drainagekritik"
In: sinn-haft 12/2002 S. 38

"Paolis Luxusartikel vom 13. Juni 1867"
In: sinn-haft 13/2002 S. 34f.

"Betty Paoli, Poetess and Journalist. Writing in the Year of the Revolution 1848"
In: Robert Pichl und Clifford A. Bernd (Hg.): The Other Vienna. The Culture of Biedermeier Austria. österreichisches Biedermeier in Literatur, Musik, Kunst und Kulturgeschichte. Wien 2002. S. 85-94

Netzwerke der Wohltat und der Literatur. Das "Album zum Besten der durch die Ueberschwemmungen im Frühjahr 1845 in Böhmen Verunglückten"

Im neunzehnten Jahrhundert waren die Bewohner der Städte an den großen Flüssen der k. u. k-Monarchie einer regelmäßig im Frühling wiederkehrenden Gefahr ausgesetzt: dem so genannten Eisstoß. Eisplatten die sich auf den Flüssen in einander verkeilten, stauten große Wassermengen zurück, die die flussaufwärts gelegenen Stadtteile überschwemmten. In der Kaiserstadt Wien war der Eisstoß der Donau ein jedes Jahr wieder mit Angst erwartetes Ereignis, aber auch in anderen Städten der Monarchie kam es immer wieder zu Überflutungen. Am 3. April 1845 berichtet die Wiener Zeitung:
Böhmen. Prag, 28. März. Am 27sten um 6 Uhr Früh hat sich endlich die ungewöhnlich starke Eisdecke, welche seit vollen sechzehn Wochen die Moldau bedeckte, gehoben und in Bewegung gesetzt. Das lange und bange erwartete Schauspiel lockte unzählige Zuschauer herbey. Beyde Brücken und der Franzensquai waren mit Schaulustigen übersäet, besonders zwischen der zehnten und eilften Stunde, um welche Zeit das Eis oberhalb des Podkals sich in Bewegung gesetzt hatte. Die ganze Moldaufläche, so weit man sie von der Brücke aus stromauf- und stromabwärts übersehen konnte, bildete eine schwimmende Masse dichtaneinander gedrängter Eisschollen. Die Befürchtungen eines großen Wassers, für dessen Eintritt schon alle Vorsichtsmaßregeln getroffen waren (in allen niedriger liegenden Stadttheilen standen Kähne und Pontons mit Mannschaft in Bereitschaft), sind bis heute (28. März) glücklicher Weise nur zu geringem Theile in Erfüllung gegangen; bey dem höchsten Stande des Wassers (zwischen 10 und 11 Uhr) war noch der obere Theil des alten Brückenbogens, auf welche ein Theil des Kreuzherrenklosters steht, und der unseren Vorfahren als Messer der Wasserhöhe diente, frey. Seit 11 Uhr bis halb 3 Uhr Nachmittags war das Wasser im Fallen. (Das Ausbleiben der Prager Zeitungen läßt besorgen, daß der Eisstoß unterhalb Prags ins Stocken gerathen, und dadurch ein Aufstauchen der Moldau herbeygeführt worden ist.) (Boh.)
In den folgenden Tagen wird klar, dass die Befürchtungen der Redaktion der Oesterreichisch Kaiserliche privilegirte Wiener Zeitung berechtigt waren. Mit einer Verspätung von einer Woche berichtet die Wiener Zeitung von der größten Flutkatastrophe seit 1784.
Am 27. März, wie wir im letzten Blatt berichtet [...] war das Wasser in beständigem Fallen, aber schon am 28. März, in den Vormittagsstunden, begann es theils von den Ufern her, theils durch die Canalöffnungen, mit einer Schnelligkeit von 2 bis Zoll in der Stunde zu wachsen. [...] Da hatte es eine Höhe von 17 Schuh 3 Zoll erreicht. Um diese Zeit war auf der Altstadt die ganze Postgasse bis an den Stephansplatz, ein Theil der Convictgasse, die Bethlehemsgasse, der Bethlehemsplatz, goldene Gasse, Annaplatz, Annagasse, beyde Annahöfe, Kettengasse, Liliengasse, Dominikanergasse, beyde Jesuitengassen bis zur Salvatorskirche einer und dem kleinen Ringe anderer Seits, [...] ec. ec. unter Wasser. [...] In dieser ganzen weiten Ausdehnung waren alle Erdgeschoße, hie und da selbst die oberen Stockwerke unter Wasser, von den Kellern gar nicht zu reden, welche auch, in noch ferneren Stadttheilen, sich mit dem, durch die Seitenwände eindringenden Wasser füllten. Ueber 160 Kähne und Pontons waren in der Stadt vertheilt, und mit der Rettung der Bedrängten, mit der Erhaltung der Communication beauftragt; aber diese Zahl reichte bey der ungeheuren Ausdehnung des Wassers nicht aus; daher bespannte Wägen in den schwächer überflutheten Straßen benützt werden mußten. [...] Niemand hatte sich auf eine solche Ueberschwemmung gefaßt gemacht und vorgesehen, selbst in wohlhabenden Familien war die größte Noth um das Nothwendigste aller Lebensmittel, um Brot. Die Noth an Trinkwasser war in den überflutheten Stadttheilen allgemein. [...] Jeden Augenblick sah man bald ein Einrichtungsstück, bald ein Buch, bald ein Faß daher treiben, man sah, wie das Wasser oder die Schollen hie und da die Fenster eingedrückt hatten, wie die Fluthen arg in den verlassenen Zimmern hausten. [...] Damit auch die Neuzeit ihren Repräsentanten im Wasser habe, schwamm ein Dampfkessel die Moldau herab, und blieb in dem Garten unter dem Kleinseitner Endpuncte der Kettenbrücke hängen. [...] Es würde, fürchten wir, eine erschreckend hohe Summe sich ergeben, wenn man den Werth alles dessen zusammenrechnen könnte, was an Hausgeräth und Utensilien in den Wohnungen, was von Waaren in den Gewölben und Magazinen der Kaufleute, was von Vorräthen in den Kellern der Bierwirthe und Weinhändler, was an Getreide und Mehl bey Müllern und Bäckern verloren ging und verdarb. [...]
Alle Nachrichten - nicht nur politische - unterlagen im Vormärz einer strengen Zensur, ausländische Zeitungen waren verboten, die offizielle Berichterstattung, die auch in die Lokalblätter einfließt, wird von der Wiener Zeitung vorgegeben. Die Pressemeldungen über die Flutkatastrophe von 1845 sind eine Abbildung des Informationswesens der Zeit. Die Prager Zeitung und die Zeitschrift Bohemia, die der Redaktion der Wiener Zeitung als Informationslieferanten dienen, können wegen der Verwüstungen, die das Wasser in den Druckereien anrichtet, einige Zeit nicht erscheinen, der Nachrichtenmangel macht sich auch in Regionalzeitungen bemerkbar. Bei den Schilderungen der Katastrophe greifen die Zeitungen auf private Korrespondenten zurück, besonders zur Darstellung der Ereignisse in den ländlichen Gebieten.
Böhmen. Die "Prag. Ztg" vom 2. April enthält Folgendes: Prag, 1. April. Unsere Besorgnisse über die großen Verwüstungen durch den Eiststoß auf dem Lande haben sich leider als gegründet gezeigt. Nach einem Privatbriefe aus Leitmeritz, den die heutige Bohemia mittheilt, wurden dort 19 Ortschaften mit Einschluß der Festung Theresienstadt unter Wasser gesetzt. Die Wasserhöhe war 3' über der vom Jahre 1784. Eben so traurig lauten die uns bis jetzt zugekommenen Berichte aus Melnik, Terschen und anderen an der Elbe gelegenen Ortschaften. Das Dorf Kelle ist durch den Durchbruch eines neuen Armes von der Elbe gänzlich zerstört. Privatnachrichten zu Folge, die heute gegen Abend eingetroffen sind, soll der Eisgang auch in Dresden großen Schaden verursacht haben. Nahmentlich soll die schöne Elbebrücke bedeutend gelitten haben und das darauf stehende Kreuz herabgefallen seyn. Das Ausbleiben der Leipziger Blätter am heutigen Tage scheint diese traurige Nachricht zu bestätigen. Die Redaction. [...] Diese Zeilen waren bereits gesetzt, als uns nachfolgender, aus ganz glaubwürdiger Feder geflossene Privatbrief aus Leitmeritz (vom 31. März) mitgetheilt wurde: "Ein nahmenloses Unglück hat unsere schöne Elbgegend betroffen. Bereits Donnerstags am 27. März Nachmittags um 2 Uhr hob sich die starke Eisdecke unserer Elbe, und both uns bey einer nur mittelmäßigen Wasserhöhe das imposante Schauspiel eines großartigen Eisganges. In der darauf folgenden Nacht jedoch stieg das Wasser auf eine bedeutende Höhe, [...] Samstags in der Frühe fing das Wasser zu steigen an und erreichte gestern Sonntags gegen 6 Uhr Abend die unerhörte und nie gehabte Höhe von mehr als 3 Schuh über den höchsten bisherigen Wasserstand von 1784. [...]
Der anonyme Privatkorrespondent der Prager Zeitung schreibt am 5. April: "Es werden viele Spenden und Gaben erfordert werden, um dieses große Unglück nur einger Maßen zu mildern." Und tatsächlich läuft - wie schon bei ähnlichen Ereignissen in früherer Zeit - eine Spenden-Maschinerie an, in der die Wohltätigkeit der Mächtigen und des politisch weitgehend machtlosen Bürgertums der Zeit konkurrieren. Am 6. April genehmigt der Kaiser 40.000 Gulden Konventionsmünze als Sofortmaßnahme für die Überschwemmungsopfer. Die gleiche Summe bringen "unaufgefordert", wie die Wiener Zeitung bemerkt, die Familien Rothschild, Sina, Arnstein und Eskeles und Hermann Todesco auf. Jüdische Bürger waren von großer Bedeutung für die nichtstaatliche Wohlfahrt im neunzehnten Jahrhundert und haben sich durch die Gründung und Erhaltung zahlreicher Einrichtungen für Waisenkinder, Kranke, Strafentlassene um die Verbesserung der sozial Schwachen verdient gemacht. Die wirtschaftliche Stärke und die Bestrebungen nach öffentlicher Einflussnahme schlagen sich in der organisierten Fürsorge nieder. Besonders für die im öffentlichen Leben nicht in Erscheinung tretenden bürgerlichen Frauen wird die Wohlfahrt zu einem bedeutenden Tätigkeitsfeld außerhalb der eigenen Familie. Die Überschwemmungen des Jahres 1845 zeigen außerdem das Zusammenspiel von Orten der öffentlichen Meinungsbildung und des Bürgertums auf. An jenen Stellen, an denen Information über das katastrophale Ereignis generiert wird (und zwar bereits im massenmedialen Ausmaß durch den Einsatz von Schnellpressen), wird zu Spenden aufgerufen. Das Comptoire der Wiener Zeitung nimmt an einem Tag (6. April) 197 Gulden an Barspenden für Bedürftige ein, andere Zeitungen geben bekannt, einen Teil des Verkaufspreises ihrer - zweifellos durch das Ereignis gesteigerten - Auflage den eilig ins Leben gerufenen Hilfskomitees zukommen zu lassen. Viele der medial angestoßenen Spendenaktionen laufen noch im Sommer des Katastrophenjahres.

Im September 1845 erscheint das Album. Zum Besten der durch die Ueberschwemmungen im Frühjahr 1845 in Böhmen Verunglückten bei Strauss Wwe. u. Sommer in einer Auflagenhöhe von 2.000 Stück. Es handelt sich dabei um einen Teil einer größer angelegten Spendenaktion auf Initiative von Anton Adolf Schmidl, Redakteur der österreichischen Blätter für Literatur und Kunst. Schmidl war Geograf und als Schriftsteller bekannt unter dem Pseudonym Salmoser. Durch den Verkauf eines musikalischen Albums und durch eine Kunstlotterie wurden von ihm 3.685 Gulden und 42 Kreuzer an Spenden eingenommen (zum Vergleich: Staatskanzler Metternich spendete im April 1.000 Gulden). Gemeinsam mit Gustav Ritter von Franck, Redakteur der Wiener Zeitschrift für Kunst und Literatur und dem Schriftsteller Johann Gabriel Seidl wählte Schmidl aus 525 für diesen Zweck zur Verfügung gestellten Texten 128 aus. Zur Auswahl bemerkt Schmidl:
Es liegt in der Natur der Sache, daß eine derartige Sammlung keine strenge Anthologie sein kann, aber solche gelegentliche Sammlungen sind jedenfalls in der Beziehung interessant, daß sie alle Parteien vereinigen und so der Ausdruck eben herrschender Anschauungsweisen sind. In mancher Hinsicht dürfte eine gewisse Färbung in der vorliegenden Sammlung nicht zu verkennen sein, welche nicht so unvortheilhaft unsere heutigen literarischen Zustände bezeichnet. (Album 1845: 429)
Wie bei der Kunstlotterie auch sind die Herausgeber des Albums mit einer beträchtlichen Fülle an Spenden konfrontiert, die keine Gelegenheitsprodukte und sehr unterschiedlicher Qualität sind, aber der karikative Zweck steht im Vordergrund und so kann die Auswahl der Texte als 'marktfähig' betrachtet werden. Johann Gabriel Seidl war seit 1828 Herausgeber des Taschenbuchs Aurora und daher bestens mit dem Leser- und vor allem Leserinnengeschmack vertraut. Die Publikationsform der Almanache und Taschenbücher war bedeutend für die literarische Übung der Leserinnen im Biedermeier, der Markt bis zur Revolution 1848 stabil. Seidl, der 1854 den Text für die Kaiser-Hymne verfasste, lieferte für das Album eine anlassbezogene Ballade, Der Frühlings-Engel, in der Wasser, Erde und Frühling personifiziert werden. Der Frühling, der durch sein verspätetes Eintreffen die Naturkatastrophe ausgelöst hat, gießt zur Entschädigung Wohltat und Mitleid in die Herzen der Menschen. Dieser Auftakt ist einer der wenigen Texte der Auswahl, die für das Album geschrieben wurden. Unter den Beiträgern finden sich prominente Vertreter der Biedermeierliteratur wie Ladislaus Pyrker, Anastasius Grün, Friedrich Halm, Eduard von Bauernfeld. Auch Texte von Caroline Pichler und Franz Grillparzer sind in dem Album vertreten. Von Grillparzer finden wir die Gedichte Alma von Göthe und Wanderscene, von der 1843 verstorbenen Caroline Pichler steuert Ludwig August Frankl Briefe aus dem Nachlass bei. Frankl, der mit vielen der Literaten durch seine regelmäßigen Besuche im Salon der Henriette Wertheimer bekannt war, erklärt in einer Einleitung, dass die Veröffentlichung der Korrespondenzstücke zu wohltätigem Zweck ganz im Sinne Pichlers gewesen wäre. Außerdem stellt Frankl (neben eigenen Texten) ein Gedicht von Joseph Emanuel Hilscher zur Verfügung und erläutert, dass der von den Überschwemmungen besonders betroffene Ort Leitmeritz Hilschers Geburtsort sei. Viele der im Album vertretenen Autoren sind Almanach-erprobte Vielschreiber, so z. B. Ignaz F. Castelli, Heinrich von Levitschnigg und Johann Nepomuk Vogel, viele Beiträger sind einander in den Salons der Ottilie von Goehte bzw. der Henriette Wertheimer begegnet. Joseph Wertheimer, Gründer eines Waisenhauses, leistete ebenfalls einen literarischen Beitrag zu dem Album. Besonders verbunden mit diesem Kreis ist die Autorin Betty Paoli, die von Henriette Wertheimer in die intellektuelle bürgerliche Gesellschaft Wiens eingeführt wurde. Das war ein besonderes Glück für die unverheiratete, junge Frau, die früh ihre Eltern verloren hatte und daher nicht auf die üblichen Zugangsrituale der bürgerlichen Gesellschaft zurückgreifen konnte. Von Paoli finden sich vier Gedichte in dem Album, formal in der ihr eigenen Strenge und mit Themen, die für ihre Lyrik typisch sind: Schmerz, Seelenleid, innerer Kampf und Todesahnung. Auch der böhmische Autor Moritz Hartmann, ein langjähriger Freund Betty Paolis, Sozialkritiker und später an der bürgerlichen Revolution beteiligt, der sich von der unpolitischen, rein ästhetischen Dichtung des Wertheimer-Kreises losgesagt hatte, steuerte zwei Gedichte bei. Von Eduard von Bauernfeld findet sich die gereimte Fabel Die Reichsversammlung der Thiere, ein kritisches politisches Gedicht.

Mundartgedichte und 'Geschichten aus dem Volke' stehen in dieser Publikation neben schwermütiger Liebeslyrik, romantische Naturschilderungen neben Scherzgedichten. Einige der Texte sind als Ausschnitte aus bereits veröffentlichten Werken markiert, unter den Prosatexten befinden sich historische Abhandlungen, Reiseschilderungen und Auszüge aus literarischen Tagebüchern. Das Album zum Besten der durch die Ueberschwemmungen im Frühjahr 1845 in Böhmen Verunglückten vereinigt möglicherweise nicht "alle Parteien", es gibt aber einen sehr aufschlussreichen Einblick in das literarische Leben und das intellektuelle Netzwerk der Zeit.

Oesterreichisch Kaiserliche privilegirte Wiener Zeitung, 3. April 1845 Wiener Zeitung, 4. April 1845 Wiener Zeitung, 5. April 1845 Album. Zum Besten der durch die Ueberschwemmungen im Frühjahr 1845 in Böhmen Verunglückten. Wien, Strauss Wwe. u. Sommer, 1845